FEX im Gespräch mit Thilo-Harry Wollenschläger und seiner Tochter Paula
Thilo-Harry Wollenschläger, Schausteller in der 5. Generation, Unternehmer und Veranstalter von Volksfesten in Berlin und Brandenburg, engagiert in zahlreichen Ehrenämtern zur Förderung der wirtschaftlichen Zukunft der Schaustellerzunft und seit 11 Jahren auch noch Ausrichter vom Spandauer Oktoberfest

© B. Erdmann
Es ist 16:00 Uhr. In einer Stunde kommen die ersten Besucher. Um mich herum ein großes Gewusel * von Mitarbeitern, die sich noch schnell umziehen, Musiker, die anfangen Tonproben zu machen und geschäftiges Personal, das letzte Anweisungen für den heutigen Abend bekommt.
FEX: Herr Wollenschläger, Sie waren mit ihren zahlreichen Veranstaltungen bereits stadtbekannt. Seit 2011 ist nun auch noch das Oktoberfest dazugekommen. Ein Fest im größten Festzelt Berlins, an dem Sie meist jeden Abend persönlich dabei sind und das von Ihnen viel Einsatz abverlangt. Warum auch noch das Oktoberfest?
T.W.: In meiner Branche muss man sich ab und zu neu erfinden. Angefangen habe ich mit einer großen Losbude. Später wurde daraus ein großes Karussell und jetzt ab 2011 das Oktoberfest. Ausschlaggebend hierfür war übrigens meine Frau. Sie kommt aus der Hotelbranche und hatte das richtige Gespür dafür, dass auch die Berliner zünftig feiern mögen.
FEX: Sie sind noch ein richtiges Familienunternehmen, wie muss man sich das vorstellen?
Paula W.: Obwohl wir als Familie immer zusammen auf den Veranstaltungen sind, haben wir eine Aufgabenverteilung. Während ich mit meiner Mutter für die Buchungen und Veranstaltungen zuständig bin, übernimmt mein Vater mit meinem Bruder oft die Wartung der Fahrzeuge und das Handwerkliche.
FEX: Diese Arbeit verlangt viel persönlichen Einsatz. Hätten Sie sich vorstellen können, auch einen anderen Beruf auszuüben?
Paula W.: Nein, eigentlich nicht. Ich bin damit aufgewachsen. Früher waren wir mit einem großen Karussell europaweit unterwegs. Heute machen wir viele Veranstaltungen in Berlin. Dabei ist jede Veranstaltung anders und hat ihren eigenen Charme.
FEX: Wie ist das mit dem Humor? Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen heute weniger Humor als früher haben?
Paula W.: Nein, die Menschen möchten immer noch gerne unterhalten werden. Aber gerade die Jüngeren sind anspruchsvoller geworden. Aufgrund der sozialen Medien suchen sie oft den Kick. Es muss heute alles größer und schneller sein.

Gewinner beim Oktoberfest © B. Erdmann
FEX: Sind Jahrmärkte dann überhaupt noch zeitgemäß?
Paula W.: Auf jeden Fall! Wo findet man heutzutage noch Plätze, wo der Bevölkerung kostenlose Musik und ein Bühnenprogramm geboten wird? Im Gegensatz zu Freizeitparks sind Volksfeste meist kostenlos. Man kann sich hier völlig unverbindlich mit Familie oder Freunden treffen und ein paar Stunden Spaß haben. Solche Möglichkeiten gibt es immer weniger.
FEX: Können sich die Spandauer in diesem Jahr noch über Veranstaltungen freuen?
T.W.: Jedenfalls über keine Veranstaltungen, an denen ich beteiligt bin. Das gilt auch für das Oktoberfest im nächsten Jahr. Aufgrund der hohen Kosten für Grundstücksmiete und Erfüllung der zahlreichen Auflagen, die wir in Spandau haben, ist nicht sicher, ob wir dieses Fest hier weiter veranstalten können.
FEX: Das hört sich nach mächtig dicker Luft bei den Verantwortlichen auf Bezirksebene an. Gibt es woanders weniger Konflikte mit dem nötigen Platz für Volksfeste?
T.W.: Nein, das Problem ist, dass es immer weniger Plätze gibt, die für Schausteller zur Verfügung gestellt werden. Die noch freien Plätze werden nach und nach alle bebaut oder mit Auflagen überzogen, die ein Volksfest nicht einhalten kann. Man kann kein Volksfest veranstalten, das bereits um 20:00 schließen muss. Für viele Menschen beginnt ein Volksfest erst am Abend. Als Vorsitzender des Verbandes der Berliner Schausteller erwarte ich da mehr Hilfe und Verlässlichkeit. Aus meiner Sicht wird zu wenig für die Schausteller getan. Nichts gegen die Förderung von Start-Up Unternehmen, aber man muss sich auch um die alteingesessenen Unternehmen kümmern. Die Schausteller gehören dazu.
FEX: Wie sollte das „Kümmern“ aussehen?
T.W.: Alle großen Städte haben einen großen Festplatz mitten in der Stadt. München hat die Theresienwiese, Hamburg das Heiligengeistfeld. Berlin hat nichts, nur den Festplatz in Reinickendorf. Eine gute Möglichkeit wäre die Einräumung der zeitweiligen Nutzung auf einer Fläche auf dem Tempelhofer Feld. Kai Wegner hatte uns damals, bevor er regierender Bürgermeister wurde, seinen politischen Einsatz für diese Fläche fest zugesagt, Nach der Wahl war keine Rede mehr davon. Was ich mir von den Politikern daher wünsche, ist mehr Verlässlichkeit auf gemachte Zusagen. Die Musik wird jetzt lauter. Der DJ spielt „Alarm im Sperrbezirk“. Noch schnell ein Foto, dann ist es Zeit zu gehen.
Draußen warten die ersten Besucher in Dirndln und Lederhosen. Denn es ist Oktoberfest und das findet seit 2011 in Spandau statt!

