In dieser Zeit ist es mehr denn je wichtig miteinander als übereinander zu reden- auch in der Religion
Der Fex im Gespräch mit Pfarrerin Annkathrin – Hamsch, Pfarrerin der Paul-Gerhard Kirchengemeinde und Rabbi Rothschild *
Den beiden größten Kirchen in Deutschland (ev. und röm.- kath. Kirche) „laufen“ die Mitglieder weg. Während die Katholische Kirche 2023 etwa 400.000 Kirchenaustritte verzeichnete, waren es bei der Evangelischen Kirche etwa 380.000 Mitglieder. *

Wie ist das in den jüdischen Gemeinden?
Rothschild: Die Anzahl der Gemeindemitglieder ist, infolge der Demografie, stark rückläufig. Nach der Wende sind viele Juden aus den osteuropäischen Staaten gekommen. Die, welche hier geblieben sind, waren bereits damals schon im Rentenalter und führen jetzt zu einem gewaltigen Rückgang der Mitgliederzahl. Auf ca. 20 % Sterbefälle gibt es nur 1-2 % Geburten.
Ein weiterer Grund ist, dass Juden aus der Gemeinde austreten oder fernbleiben, weil sie sich hier nicht mehr in ihrer Glaubensrichtung vertreten sehen. Im Gegensatz zu den christlichen Kirchen gibt es im Judentum sehr unterschiedliche Strömungen. In den meisten Gemeinden Deutschlands wird das orthodoxe Judentum praktiziert, welches meist eine strikte Einhaltung der jüdischen Regeln fordert. Juden, die eine weltoffenere Auffassung, wie etwa die liberalen Juden, vertreten, fühlen sich hierdurch nicht repräsentiert.
Wer nicht das Glück hat, in einer Großstadt, mit mehreren unterschiedlichen Gemeinden, zu leben, ist oft isoliert.
Fex: Wie muss man sich den Unterschied in der Praxis vorstellen?
Rothschild: Kleines Beispiel, in Berlin Charlottenburg gibt es eine orthodoxe Gemeinde, da sitzen die Männer und Frauen in den Gottesdiensten voneinander getrennt. Die Gottesdienste sind für viele langweilig und nehmen die Menschen nicht mit. Bestimmte Regeln am Sabbat sind streng einzuhalten.
Hamsch: Das ist bei uns zum Glück noch anders. Hier kann sich jeder seine Gemeinde suchen, die ihm liegt.
Fex: Wie kann man die Menschen wieder mehr für die Religion interessieren?
Hansch: Bei uns in der Gemeinde treten glücklicherweise nur wenige Menschen aus. Ich freue mich sehr, dass es dieses Jahr jetzt auch wieder mehr Konfirmanden gibt. Wir sind eine sehr lebendige Gemeinde. Speziell in der Jugendarbeit habe ich jetzt das Projekt Pasta und Pray (Beten) eingeführt. Das Projekt wird mittlerweile so gut angenommen, dass der ursprüngliche Tisch für die Besucher nicht mehr ausreicht. Jeder ist bei uns willkommen.
Rabbi Rothschild: Bei uns ist das ganz anders. Wir sind eine sehr kleine Gruppe. In Deutschland leben etwa 90 000 Juden, 0,2 % der Bevölkerung*. Wenn man die Nachrichten hört, denkt man jedoch, dass überall Juden leben. Wenn man in die Gemeinde kommt, dann vielfach deshalb mehr, um unter sich zu sein und andere Juden zu treffen.
Natürlich wollen wir aber auch offen gegenüber anderen sein und wissen, dass dies nur durch Kennenlernen funktioniert. Daher gibt es das Projekt „Meet a Jew“, bei dem Treffen mit Juden organisiert werden. Wenn dann aber 20 Nichtjuden kommen um sich mit zwei Juden zu treffen, so ist das, als wäre man im Aquarium. Also auch nicht so einfach. Dazu kommt die schwierige Sicherheitslage.
Fex: Was erwartet jemanden, der zu Ihnen in den Gottesdienst kommt?
Grundsätzlich ist bei uns jeder willkommen. Aber aufgrund der gegenwärtigen Gefahrenlage sind Synagogen nur zu den Gottesdiensten geöffnet. Wir stehen immer unter Polizeischutz. Wer zu uns kommt, muss eine Sicherheitskontrolle mit Taschendurchsuchung durchlaufen und Fragen beantworten, z.B. warum man eine jüdische Gemeinde besuchen möchte. Draußen stehen Polizei und manchmal auch andere Sicherheitskräfte. Bewaffnet. Da überlegt man es sich sehr gut, ob man da mal so einfach als Fremder zum Gottesdienst geht.
Wir können leider nicht auf die Menschen zugehen und Fremde in unsere Gemeinde zum Kaffeetrinken einladen. So etwas muss vorher genau organisiert werden.
Da wir meist in Deutschland nur sehr kleine Gemeinden haben, gibt es keine Gemeindezentren, wie in christlichen Kirchen. Es gibt schlichtweg niemand, der das machen kann.
Fex: Damit sind wir schon mitten in der politischen Situation.
Wie stellt sich die aktuelle Sicherheitslage von Juden dar?
Rothschild: Die meisten Juden fühlen sich hier bedroht. Jüdische Studenten haben Angst, in die Uni zu gehen, Menschen ziehen sich aus dem öffentlichen Leben zurück, meiden den Gang zur Synagoge aus Angst vor Angriffen, wie in Halle.
Wir dachten, dass dieses Kapitel jetzt endlich erledigt ist. Wir dachten, dass die Gesellschaft heute weiter und aufgeklärter wäre und wir hier wieder eine Heimat gefunden haben. Heute überlegen viele, ob sie Deutschland wieder verlassen sollen. Sie fragen sich, wohin können wir noch gehen? Der Angriff am 7. Oktober 2023 auf Israel hat diese Angst noch einmal verstärkt. Viele sehen die Existenz Israels, als einen autonomen Staat, bedroht.
Können Sie sich vorstellen, wie es ist, in einer latenten Bedrohung zu leben?
Hamsch: Nein, das ist bei uns Christen, hier, zum Glück nicht der Fall.
Rothschild: In diesem Zusammenhang ist mir ganz wichtig noch auf ein anderes Problem hinzuweisen: In den Medien werden Juden sehr oft so dargestellt, als ob sie eine Mitverantwortung an der politischen Lage in Israel hätten. Man unterstellt ihnen, egal zu welchem Land sie gehören, sofort eine bestimmte politische Haltung – nur weil sie Juden sind.
Das ist so, als ob man Christen in Deutschland für die politische Lage in anderen Ländern verantwortlich macht. Das ist völlig absurd. Wie überall, gibt es auch hier ganz verschiedene Meinungen.
Viele Juden kommen nicht aus Israel. Ich zum Beispiel bin Deutsch/ Engländer. Ich habe in Israel kein Wahlrecht. Die dauernde Unterstellung von Mitverantwortung in den Medien führt nicht zum Frieden, sondern verstärkt die Isolation der Juden in Deutschland.
Fex: Sehen Sie einen Ausweg aus dem politischen Konflikt?
Das ist sehr schwierig zu beantworten.
Die Problematik von Israel und dem Gazastreifen lässt sich bis zu Mose (5.Buch, 2. Kapitel Vers 32) zurückverfolgen.
Ich kann hier nur für mich selbst sprechen. Aus meiner Sicht sollten sich Europa und Amerika aus dem Konflikt heraushalten. Die Länder müssen den Konflikt selbst lösen. Eine große Chance sehe ich in den neuen großen Playern Indien und China. Diese Länder waren an den Ereignissen der Geschichte in Israel nicht beteiligt. China und Indien verfolgen mit ihrer Infrastrukturprojekten in Nahost ausschließlich wirtschaftliche Interessen. Vielleicht ist das eine Möglichkeit, den Konflikt zugunsten gemeinsamer, wirtschaftlicher Interessen irgendwann einmal friedlich zu lösen.
*Die Quellen zum Interview
Weitere Bedeutungen von Shalom nach Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Schalom_(Hebr%C3%A4isch)
Statistik zu jüdischen
Gemeindemitgliedern in Deutschland
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1232/umfrage/anzahl-der-juden-in-deutschland-seit-dem-jahr-2003/
und: https://zwst.org/en/node/104

